Eine Gruppe sitzt in einem runden Kreis und erhält von dem Prozessbegleiterpaar nur wenige Leitlinien. Eine Parabel wird erzählt, die wesentliche Elemente des bevorstehenden Prozesses in sich trägt. Nach einem kurzen Schweigen beginnt die Gruppe zu reden. In der nun einsetzenden Phase der Pseudogemeinschaft tun die Beteiligten so, als seien sie bereits eine Gemeinschaft. Sie tun so, als gäbe es keine Differenzen, und vermeiden jegliche Konflikte. Sie sind höflich, zu höflich sogar. Denn alle halten sich an die ungeschriebenen Regeln, die freundliche und umgängliche Menschen auszeichnen: Sage nichts, das jemanden anderen irritieren oder bei ihm/ihr schmerzliche Gefühle hervorrufen könnte. Lass Dir nichts anmerken wenn's brenzlig wird und wechsle schnell das Thema. Mache Dich nicht verletzlich und zeige keine Schwächen. Vermeide Konflikt. Und es ist die Art von Maskerade, Unauthentizität und "Höflichkeit", die wir fast überall erleben. Pseudogemeinschaft ist die Norm in unserer Gesellschaft.
Schließlich werden die Differenzen dann an irgendeinem Punkt so offenkundig und tiefgehend, dass sie nicht mehr kaschiert werden können. Jetzt geht die Gruppe in den nächsten Aggregatzustand über, ins Chaos. Vielleicht gibt auch der Moderator den Anstoß dazu. Er teilt der Gruppe dann beispielsweise mit, dass sie sich in Generalisierungen ergeht und diese der Entwicklung von Gemeinschaft nicht förderlich sind. Die Zeit der Höflichkeit ist vorbei und die Dinge stoßen sich hart im Raum.
Differenzen werden jetzt nicht mehr versteckt, man versucht vielmehr, sie auszulöschen. Einer versucht den anderen zu bekehren. Das Heil wird darin gesehen, dass alle gleich denken und dass alle "normal" sind. Jeder will seine Sicht durchsetzen. Ein weiteres typisches Bestreben im Zustand des Chaos, besteht darin, andere "heilen" zu wollen. Differenzen dürfen nicht sein, schmerzliche Gefühle auch nicht. Sie werden mit guten Ratschlägen oder tröstenden Worten gleich zugedeckt.
| Chaos ist unangenehm und unbefriedigend, ein unproduktiver Kampf und Krampf. Chaos ist oft selbst dann zählebig und dauert viele Stunden, wenn der Gruppe völlig klar ist, dass sie sich mitten drin befindet. Was liegt da näher, als die ProzessbegleiterInnen anzugreifen, ihnen miserable Anleitung vorzuwerfen und stattdessen die Leitung selbst an sich zu reißen.
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An dieser Stelle, wo eine Gruppe zur Gemeinschaft finden will, dient sie nur der Schmerzvermeidung. Gemeinschaft entsteht, indem wir dafür Raum geben und sie wachsen lassen, nicht indem wir sie organisieren.
Dieses Raum Geben für Gemeinschaft beginnt, wenn erstmals Zeichen der dritten Phase aufleuchten: das Leer-werden. Die Gruppe bewegt sich in den oft langen und mühevollen Prozess hinein, sich leer zu machen , sich zu befreien von allen Barrieren zu authentischer Kommunikation. Kaum eine Gruppe fliegt auf diesen Tipp des Moderators. Denn die Beteiligten ahnen schon, worum es geht: zu sterben, um wieder geboren zu werden. Und sie ahnen, dass sie viel Liebgewonnenes aufgeben müssen und dass das schmerzlich ist. Dann doch lieber im Chaos bleiben oder in die Pseudogemeinschaft zurückfallen.
Es ist auch allzu viel, von dem man sich lösen muss. Zum Beispiel von Vorurteilen, die man gegenüber anderen Teilnehmern der Gruppe schon lange pflegte oder im Workshop aufgebaut hat. Leer werden bedeutetet hier auch, zur Stille zu finden - zu einer oft lange anhaltenden Stille. Loslassen müssen die Beteiligten dann den Wunsch, ihre individuellen Ideologien, Weltsichten und Lieblings-Lösungen anderen überzustülpen. Und schließlich müssen sie sich aller Erwartungen entledigen, wie der angestrebte Zustand der Gemeinschaft denn auszusehen hat. Jeder, nahezu ohne Ausnahme, der einen Prozess zum Aufbau von Gemeinschaft beginnt, hat eine fixe Idee davon, was Gemeinschaft ist. Doch wahre Gemeinschaft wird sich nicht einstellen, solange man an seinem eigenen Begriff davon festhält.
Im Verlauf des Leer-werdens und des damit einhergehenden besseren Zuhörens finden die ersten den Mut, ein sehr persönliches Gefühl anzusprechen - ein Gefühl, dessen sie sich entleeren müssen, um in der Gruppe völlig präsent und für die Gemeinschaft offen sein zu können. Typischerweise treten jetzt verdrängte Enttäuschungen und Verletzungen zutage. Gemeinschaft braucht Authentizität und damit den Mut, schmerzliche Gefühle zu äußern und sich verletzlich zu machen. Wenn die ersten Mitglieder der Gruppe diesen Mut finden, reagieren die anderen oft ausweichend, wollen wieder "heilen" und fallen möglicherweise zurück ins Chaos. Schließlich stirbt die Gruppe dann doch den "großen Tod" und wird neu geboren in den Zustand der Gemeinschaft. Ein dramatischer Wandel setzt nun ein.
Dieser Wandel kommt immer autonom; er ist weder planbar noch genau vorhersehbar. Manchmal tritt er bereits nach wenigen Stunden ein, manchmal am Ende des zweiten Tages. Plötzlich scheint sich eine Kraft Bahn zu brechen, die vorher nicht vorhanden war. Was nun passiert, hat Scott Peck unübertrefflich beschrieben: "In diesem letzten Stadium breitet sich eine sanfte Stille aus. Es ist eine Art Frieden. Der Raum badet in Frieden. Dann beginnt ein Mitglied, ganz ruhig, über sich zu sprechen. Sie ist sehr verletzlich. Sie spricht aus dem tiefsten Teil ihrer selbst. Die Gruppe ist gefesselt von jedem Wort. Niemand hatte realisiert, dass sie zu solcher Eloquenz fähig ist. Nachdem sie geendet hat, beginnt eine Stille. Sie hält lange an, obwohl es nicht so scheint. Sie wirkt nicht unbehaglich. Langsam, aus der Stille heraus, beginnt ein weiteres Mitglied zu sprechen. Er spricht ebenfalls sehr tief, sehr persönlich über sich selbst. Er versucht nicht, seine Vorrednerin zu "heilen" oder zu "bekehren". Er versucht nicht einmal, ihr zu antworten. Nicht "sie", sondern "er" ist das Thema. Doch die anderen Mitglieder der Gruppe haben nicht das Gefühl, dass er sie ignorierte. Was sie vielmehr empfinden ist, dass er sich neben sie auf den Altar gelegt hat.
Die Stille kehrt zurück. Und während es so weitergeht, das mehr und mehr Teilnehmer ganz ruhig und ehrlich von sich selbst sprechen, wird viel Traurigkeit und Kummer zum Ausdruck gebracht; zugleich wird aber auch viel gelacht und viel Freude empfunden."




