Es ist nun viele Jahre her und ich habe die Namen der Beteiligten vergessen. Die Erfahrung jedoch, die sie mir bescherten, war so tiefgreifend, dass ich sie noch sehr lebhaft in mir trage. In Farbe und in der gesamten Orchestrierung meiner damaligen Gefühle. Sie war meine allererste große Herausforderung. Seitdem weiß ich aber auch, dass ich mich auf mich verlassen kann. Immer.  Komme, was da wolle.

 

Sie mögen mir verzeihen, wenn Sie sich in dieser Geschichte wiedererkennen. Ich verspreche, ich werde niemandem verraten, dass Sie daran beteiligt waren. Mir ist klar, wie unangenehm, ja tatsächlich peinlich das für Sie wäre. Nein, ehrlich, Sie können sich da auf mich verlassen. Ich erzähle diese Geschichte auch nur, weil sie eine Feuerprobe für mich war und mich später vor vielen Fehlern bewahrt hat.

Die Ouvertüre

“Hast du am 5. und 6. August Zeit? Eine Freundin von mir hat eine Open Space Konferenz geplant und kann sie nicht selbst leiten, da ihr Mann, ein Uni-professor, der Auftraggeber ist und das keinen guten Eindruck machen würde“.

Ein Anruf einer Kollegin … und ich sagte „Ja“.

Ich habe mich schon malnchmal gefragt, ob ich damals vielleicht meinem ersten Impuls „Mach das nicht. Finger weg“ hätte folgen sollen. Eine unvergessliche Lebenserfahrung – schmerzhaft und lehrreich – hätte ich damit allerdings verpasst. Ich schätze mal, es war meine Intuition – die mir riet ,Ja’ zu sagen. Meine Intuition ist ja nun tatsächlich schlauer als ICH, oder besser: mein Verstand.

Schon damals war mir klar, dass die Qualität einer Konferenz, die Reichhaltigkeit der Erfahrungen für die Teilnehmer und die Ausbeute an Resultaten in höchstem Maße von der Qualität der Vorbereitung abhingen. Ich war darin super pingelig und schon manchem Kunden auf die Nerven gegangen, weil ich ausnahmslos kompromisslos vorging. Genaues Erkunden der Ausgangssituation und der gewünschten Ergebnisse, detaillierte Ermittlung der Bedürfnisse und Erwartungen der Teilnehmer, tief greifende Erforschung des Klimas zwischen Teilnehmern und Auftraggebern sowie eine sorgfältige Auswahl der Räumlichkeiten für die Konferenz waren nur einige der Vorbereitungen, bei denen ich geradezu pedantisch vorging. Den Unmut und die Ungeduld einiger Auftraggeber konnte ich inzwischen gut wegstecken, da ich wusste, dass sie es mir an Ende dankten. Außerdem liebe ich es, erfolgreich zu sein und riskiere keine Nachlässigkeit, die sich in mittelmäßigen Ergebnissen rächen würde.

Vorahnungen

Und so fragte ich die Professoren-Frau „Worum soll es denn gehen, was ist das Thema und wie haben Sie die Konferenz vorbereitet?“

Bis zur Konferenz waren es noch wenige Wochen, also möglicherweise noch Zeit, um nachzubessern. Aber die Professoren-Frau war überzeugt davon, alles richtig gemacht zu haben und so nannte sie nur das Thema und sagte: „Ich brauche Sie nur zum Moderieren. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen und wenn Sie am 5. und 6. August Zeit haben, wäre es schön, wenn Sie das für mich machen würden“.

Das Thema war sehr unpräzise formuliert, ich hatte den Eindruck, dass sie zur Vorbereitung niemals potenzielle Teilnehmer hinzugezogen hatte und bekam auch keine näheren Informationen zu den Erwartungen der Zielgruppe oder zum Konferenz-Raum…

Ich stellte ihr weitere Fragen, die ich für die Vorbereitung einer Großgruppe für ausschlaggebend halte – bekam aber immer wieder nur die Antwort „Nein, nein, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Es ist alles bestens vorbereitet. Die Teilnehmer freuen sich schon und können es kaum erwarten. Der Raum ist perfekt. Sie brauchen nur zu kommen, den Raum vorzubereiten und zu moderieren.“

Mein mulmiges Gefühl nahm zu. Ich konnte nichts mehr machen und hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde.

Alles zu spät

Als ich am 5. August morgens den Raum betrat, in dem die Open Space Konferenz stattfinden sollte, durchzuckte mich bereits der erste Schock: keine Fenster, schwarz gestrichene Wände – ein kleiner Kinosaal, der für die 50 Teilnehmer viel zu klein war.

Die Konferenz sollte nach dem Mittagessen beginnen. Alles in mir war in Panik. Wie konnte ich in diesem Raum eine offene, freundliche, einladende Atmosphäre erschaffen, in der die Teilnehmer inspiriert werden und verblüffende Ergebnisse erarbeiten sollten.

Ich war drauf und dran, einfach wieder zu gehen, denn ich konnte deutlich spüren, was dieser Raum mit den Teilnehmern ‚machen’ würde. Er war bedrückend, nahm die Luft zum Atmen. Ich war ganz allein, da der Professor, seine Frau und die Teilnehmer am Morgen in einem Museum waren und erst zum Mittagessen zurück sein würden. Ich rang mit mir… aber mein ‚Helfer-Syndrom’ übernahm die Führung. (Das habe ich übrigens ‚mir sei Dank’ nicht zuletzt auch aufgrund dieser Geschichte inzwischen abgelegt.)

So gut es nur irgend möglich war, gestaltete ich den Haupt-Raum so, dass alle im Kreis sitzen konnten und noch einigermaßen genug Platz war, um sich zwischen den zwei konzentrischen Stuhlkreisen bewegen zu können. Damit war der Innenkreis, von dem aus ich moderieren sollte, winzig klein. Das Ikebana-Gesteck der Professoren-Frau in der Mitte des Kreises nahm auch so viel Platz ein, dass ich mich für die Anmoderation auf minimalen Raum beschränken musste. Alles andere als perfekt, denn auch ich brauche in meiner Anmoderation Freiraum – da ich sonst nicht vollkommen im Hier und Jetzt sein kann.

Die Workshop-Räume für die Arbeitsgruppen lagen zwar ewig weit vom Hauptraum entfernt, aber immerhin waren die heller und freundlicher. Ich arbeitete den Vormittag über völlig allein – was so auch nicht abgesprochen war – und schaffte es zum Mittag gerade so in der Zeit, um alle Arbeitsbereiche vorzubereiten und Wegweiser zu allen Arbeitsräumen anzubringen. Vor dem Mittagessen versuchte ich durch ein paar Übungen selbst wieder ins Gleichgewicht zu kommen und ging danach einigermaßen gelassen und zuversichtlich in den Raum, in dem nun alle Teilnehmer zum Mittagsbuffet Platz genommen hatten.

Meine Zuversicht schwand als ich hier den nächsten Schock erfuhr: Bier und Wein flossen in Strömen – und das um 13.00 Uhr mittags. Ich hatte darum gebeten, zum Mittagessen keinen Alkohol zu reichen. Gerade in der Anfangsphase einer Open Space Konferenz macht es einen entscheidenden Unterschied, ob die Teilnehmer hellwach und aufmerksam sind oder müde und vom Alkohol benebelt. In einem solchen Zustand können gewisse neue, verblüffende Zusammenhänge, die in einer Open Space Konferenz offenbart werden, erfahrungsgemäß gar nicht richtig verarbeitet werden.

Ich konnte nichts machen und gab mir alle Mühe, positiv und zuversichtlich zu bleiben.

Was auch immer passiert … es ist das Einzige, was passieren konnte …

Nach nur wenigen Begrüßungsworten des Professors begann ich mit meiner Anmoderation. Ich hatte ihn darum gebeten, zu erklären, wer ich bin und warum ich von ihm eingeladen wurde. „Erfahrene Begleiterin … besonders erfolgreiche Methode … ich freue mich, dass ich Frau Bredemeyer für diese Begleitung gewinnen konnte“ . Ok, das hatte funktioniert.

In einer Open Space Konferenz dauert meine Anmoderation etwa 15 – 20 Minuten. Darin werden Thema, Ablauf und die wichtigsten ‚Spielregeln’ für die Dauer der Konferenz genannt, die es den Teilnehmern erleichtern, ihre Konferenz in maximaler persönlicher Freiheit, inspiriert und hoch produktiv zu erleben. Ich hatte auch damals schon einige erfolgreiche Open Space Konferenzen durchgeführt und kannte es daher, dass die Teilnehmer mir aufmerksam zuhörten und man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Nicht so in dieser Anmoderation.

Kaum hatte ich 2 Minuten gesprochen, wenig mehr als die Begrüßung, hörte ich, wie ein Mann im Innenkreis laut flüsternd, so dass es jeder hören konnte – sagte „Wie lange müssen wir uns das denn anhören. Wir wollen hier selbst arbeiten und nicht einer Moderatorin zuhören.“

Es blieb mir nicht viel Zeit zu überlegen, ob ich darauf eingehen oder weiter sprechen sollte, denn schon 5 Sekunden später sagte der selbe Mann noch lauter flüsternd „Also, das brauche ich ja jetzt gar nicht. Ich will endlich anfangen, zu arbeiten“.

Zwei Stimmen kämpften in mir. Die eine „Tu so. als hättest du es gar nicht gehört und mach einfach weiter“ – die andere „Hier stimmt was nicht – was kann ich tun oder sagen?“ – also entschied ich mich, mich in diesem Mann hinein zu versetzen um zu verstehen und hörte mich dann völlig ruhig und freundlich sagen: „Diese Anmoderation dauert noch etwa 12 Minuten. Danach haben Sie 2 Tage ganz für sich. Ich möchte Ihnen mit dieser Anmoderation Anregungen geben, wie sie die nächsten 2 Tage bestmöglich, kreativ und produktiv für sich nutzen können. Ich werde ihnen nur wenige Prinzipien aufzeigen, die Ihnen die Zusammenarbeit erleichtern und es Ihnen ermöglichen, mit der kollektiven Intelligenz der Gruppe zu arbeiten. Aber wenn Sie wollen, können Sie in der Zeit der Anmoderation auch gern nach draußen gehen. Ihre Kollegen werden Sie sicher informieren und Sie werden verstehen, auch ohne dabei zu sein, wie Sie ihre Zeit hier bestmöglich nutzen können. Nach meiner Anmoderation werden Sie alle Zeit und allen Raum für sich nutzen können.“

Aus Alkohol verhangenen Augen sah mich der etwa 45jährige Mann an, verzog seinen Mund wie ein beleidigtes Kind, verschränkte die Arme und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Betont gelangweilt sah er in eine andere Richtung.

Mein Herz klopfte mir bis zum Hals … ich atmete ein paar Mal tief durch, sah mich noch einmal im Kreis um und entschied mich, meine Anmoderation fortzusetzen. Ich durchschritt den eingeengten kleinen Kreis – musste darauf achten, dass ich weder den Teilnehmern auf die Füße trat, noch das viel zu große Ikebana-Gebinde der Professoren-Gattin beschädigte oder darüber stolperte. In diesem Balanceakt sah ich so vielen Teilnehmern wie möglich in die Augen. Und spürte, dass da sich da gerade etwas sehr Unberechenbares zusammenbraute.

Angesteckt durch den ungeduldigen Teilnehmer, der jetzt auf seinem Stuhl hin und her rutschte und allseits vernehmbare Unmut-Laute von sich gab, begannen immer mehr Teilnehmer, unruhig zu werden. Niemand hörte mir mehr so recht zu. Manche fingen an, mit ihrem Nachbarn zu flüstern. Das Getuschel wurde immer lauter. Viele hatten ihren Blick nicht auf mich sondern irgendwie nach innen gerichtet und schienen damit beschäftigt zu sein, die Situation zu bewerten und sich entweder auf die eine oder die andere Seite zu schlagen. Pro Moderation – also Zuhören – oder contra. Manchen war die Situation vermutlich einfach nur peinlich, weil sie sich für die Respektlosigkeit ihrer Kollegen mir gegenüber einfach nur schämten. Ich begriff: Der Inhalt meiner Anmoderation war völlig nebensächlich, drang zu den Teilnehmern nicht mehr durch. Zwecklos, weiter zu machen.

So eine Situation hatte ich noch nie erlebt. Bisher hatten alle meine Teilnehmer gerade in diesen ersten Minuten einer Open Space Konferenz vollkommen aufmerksam zugehört. Panik stieg in mir auf. Angst …

Ich war vollkommen angespannt. Doch genau in diesem Moment tauchte ein wichtiges Prinzip der Open Space Konferenz in meinem Bewusstsein auf: “Whatever happens is the only thing that could have“. „Was auch immer passiert, es ist das Einzige, das passieren kann“.

Sofort wurde ich ganz ruhig, hochgradig aufmerksam auf das ausgerichtet, was da draußen vor sich ging.

All dies passierte in Bruchteilen von Sekunden.

Ich sah zum Professor und seiner Frau hinüber – dachte: ‚eigentlich wäre es jetzt an ihm, etwas zu sagen’. So etwas wie „Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, Frau Bredemeyer die Möglichkeit zu geben, uns die sehr sinnvollen Anregungen für eine sehr effektive Art der Zusammenarbeit zu geben …. „ oder ähnliches. Aber was ich da sah, war ebenso erschütternd. Der Professor saß da, hilfloser Blick vor sich auf den Fußboden, Arme verschränkt … die Professoren-Gattin saß auf der Stuhlkante, weit aufgerissene Augen, Sorgenfalten auf der Stirn, Panik. Aus dieser Richtung war keine Unterstützung zu erwarten.

Ok, ganz ruhig und aufmerksam spürte ich in die Situation, die Atmosphäre, die Energie, die hier im Raum war … als plötzlich die Professoren-Frau aufsprang, mir das Mikro geradezu aus der Hand riss und zu sprechen begann: Nicht dass sie auf die Unruhe im Raum einging oder die Teilnehmer verständnisvoll einbezog in das was sie jetzt sagte. Nein, Sie moderierte einfach weiter. Mit alles übertönender Stimme und schrillem Nachdruck fuhr sie fort, die Prinzipien und Abläufe der Konferenz zu erklären…

Während sich die Situation zuspitzte, weil die Teilnehmer immer unruhiger und lauter wurden, hatte ich mich ganz ruhig auf meinen Stuhl gesetzt. Ich sah mir den Professor, seine völlig verzweifelte Frau  und die Teilnehmer an, verblüfft, dass vom Professor als dem Sponsor dieser Konferenz immer noch nichts kam.

Als der Lärm sich nach einer Minute zu lauten Protestrufen steigerte, wartete ich immer noch vollkommen ruhig darauf, dass irgend etwas Rettendes passierte. Plötzlich spürte ich einen Impuls, dem ich einfach vertraute, ohne zu wissen, was ich als nächstes sagen und was passieren würde. Ganz ruhig stand ich auf, ging auf die Frau des Professors zu, bat sie, mir das Mikro zu geben. Nach anfänglicher Überraschung und kurzem Zögern gab sie es mir. Ratlos und verstört sah sie mich an aber ich spürte auch ihre Erleichterung. Und dann sagte ich ganz ruhig: „Meine Damen und Herren …“ mehr nicht, und wartete in einer Gelassenheit, die mich selbst verblüffte, bis die Lautstärke nachließ.

Die Teilnehmer hörten nach und nach auf, zu rufen oder mit ihren Nachbarn zu sprechen und es wurde ganz still. Als niemand mehr sprach, sagte ich „Meine Damen und Herren, warum folgen wir nicht dem Vorschlag der Dame in der 2. Reihe und machen eine Pause von 15 Minuten. Und wenn Sie wiederkommen, werden Sie selbst abstimmen, ob Sie in den nächsten 2 Tagen mit dieser Methode arbeiten wollen, oder nicht. Bitte machen Sie eine Pause. In 15 Minuten werden wir Sie dann wieder in diesen Raum bitten“.

Das Aufatmen der Teilnehmer in diesem Moment konnte ich körperlich spüren. Die Anspannung im Raum ließ augenblicklich nach und die Teilnehmer strömten aus dem Raum.

Schadensbegrenzung

Ich bat den Professor und seine Frau, mir nach draußen zu folgen und wir suchten uns einen ruhigen Ort im Garten der Anlage. Jetzt ging es darum, den Teilnehmern in dieser Situation das Bestmögliche zur Verfügung zu stellen. „Maximum freedom –maximum choice“ ist eines der Grund-Prinzipien der Open Space Konferenz.

Das Verhalten der Teilnehmer war der offensichtliche Ausdruck dafür, dass die Teilnehmer sich nicht wohl fühlten und hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte.

Klar, der Raum war dunkel und nicht einladend – aber das konnte es nicht sein. Die Teilnehmer fühlten sich nicht wohl, eingeengt, bevormundet. Und ich WUSSTE, es liegt nicht an mir.

Wir hatten jetzt nur 15 Minuten Zeit und mir war klar, dass die Teilnehmer sich gegen die Open Space Konferenz entscheiden würden. Um den Professor und seine Frau nicht völlig das Gesicht verlieren zu lassen, musste jetzt ein Design her, das es ihnen erlaubte, die ca. 50 Teilnehmer für 2 Tage so einzubinden und beitragen zu lassen, dass sie am Ende mit dem guten Gefühl nach Haus gehen konnten, es habe sich gelohnt und die 2 Tage haben gute Ergebnisse hervorgebracht.

Als wir im Garten einen ruhigen Platz zum Sprechen gefunden hatte, unterbrach ich die verzweifelten Erklärungsversuche der beiden vollkommen überforderten Gastgeber sofort. Dafür war jetzt keine Zeit. Bis heute wie ich nicht, woher ich in demMoment die Ruhe und das Wissen hernahm – denn unter meiner äußeren Ruhe war ich innerlich aufgewühlt und mir klopfte das Herz bis zum Hals. Innerhalb von 10 Minuten erklärte ich, was als nächstes vermutlich passieren würde und was die beiden danach tun konnten, um die Konferenz noch zu retten. Bei all dem, was ich da in dieser kurzen Zeit erfand, leitete mich das Grundprinzip „Maximum Freedom, maximum choice“ – die beiden Voraussetzungen, dass Menschen sich wohl fühlen und kreativ arbeiten konnten. Das Wichtigste war, ihnen die Wahl zu lassen: Die Abstimmung für oder gegen die Open Space Methode. Dann: ihnen die Freiheit geben, sich selbst für eine Arbeitsmethode zu entscheiden, die sie aus einer Auswahl selbst herausfiltern konnten.

In diesem 10 Minuten schlug ich 3 verschiedene Arten vor, die Konferenz weiter zu führen. Ich kann mir diese – für mich übrigens immer noch unglaubliche – Kreativität nur durch meine vollkommen freigelassene Intuition erklären. Alle drei Vorschläge waren Abwandlungen der Open Space Konferenz. Keine davon so wirkungsvoll wie das Original – das war mir klar – aber alle so, dass sie nicht unmittelbar mit dem verglichen werden konnten, was ich vorher anmoderiert hatte. Denn das würde nur auf Ablehnung stoßen.

Was mir auch vollkommen klar war: nicht ich, sondern die Professoren Frau würde diese Moderation machen müssen. Denn ich war als Projektionsfläche sozusagen ‚verbrannt’. Mich identifizierten die Teilnehmer mit der bedrückenden Situation vor der Pause – die Frau des Professors war zwar auch in dieser Situation aufgetaucht und hatte nichts Positives beigetragen, da sie aber die Gattin des Auftraggebers war, konnten wir sie nach der Pause sozusagen als „rettenden Engel“ auftauchen lassen. So zumindest erschien mir die mögliche ‚Rettung’ dieser Situation.

Als alle wieder im Raum versammelt waren, blieb ich – wie abgesprochen – zunächst außerhalb des Kreises. Der Professor leitete die Abstimmung. Das Ergebnis war erwartungsgemäß: Etwa 70% der Teilnehmer stimmten gegen eine Open Space Moderation und ich ging zurück in den Kreis.

Der Professor gab mir das Mikro wie abgesprochen, um mich zu verabschieden und den Teilnehmern noch eine erfolgreiche Konferenz zu wünschen. Sang und klanglos zu verschwinden erschien mir und auch den beiden Gastgebern als vollkommen unangemessen.

… was auch immer passiert ….

Ich hatte kaum die ersten Worte gesprochen als ein Mann mit hochrotem Kopf und deutlich hervortretenden Halsschlagadern von seinem Sitz aufsprang und auf mich losstürmte: „Verschwinden Sie endlich. Haben sie es immer noch nicht kapiert: wir wollen Sie hier nicht“ schrie er mich an. Beide Arme hochgerissen als wolle er mich gleich schlagen blieb er nur wenige Zentimeter vor mir stehen. Seine Alkoholfahne schlug mir ins Gesicht und ich sah wie er seine erhobenen Hände zu Fäusten ballte. Ich erschreckte mich, mein Zwerchfell verkrampfte sich. Ich blieb einfach stehen und sah ihm ruhig in die Augen. „Atme gleichmäßig weiter“ sagte ich mir und spürte, wie die Teilnehmer die Luft anhielten. Als sei eine unsichtbare Glaswand zwischen mir und dem Teilnehmer, bekam ich keinen seiner heftigen Drohgebärden ab … er stand wie festgenagelt vor mir und konnte mich nicht erreichen. Ich wartete einfach, bis er nach einigen weiteren beleidigenden Worten von mir abließ … ich drehte mich wieder den Teilnehmern zu und sah in weit geöffnete Augen und sah offene Münder. Mit einer Ruhe, die mir selbst fremd war, fuhr ich mit dem fort, in dem ich unterbrochen worden war. Ich beendet den Satz und verabschiedete mich mit den Worten: „und nun übergebe ich das Mikrophon und wünsche Ihnen zwei erfolgreiche Tage“ und verließ den Kreis.

Heilungs-Schmerzen

Erst im Auto brachen die Auswirkungen der Anspannung aus mir heraus. Mir liefen die Tränen wie ein Wasserfall – und gleichzeitig war ich stolz auf mich, die schwierige Situation offenbar gerettet zu haben.

Drei Tage später kam der Anruf der Frau des Professors. „Liebe Frau Bredemeyer. Es tut uns so leid, was Sie erleben mussten. Wir beiden sind Ihnen sehr sehr dankbar dafür, wie Sie reagiert haben und was Sie uns in der Situation geliefert haben. Sie hatten recht: ich hätte in der Vorbereitung genauer sein müssen. Mir war gar nicht bewusst, dass die Teilnehmer mit großen Vorbehalten zu der Konferenz gekommen sind. Sie hatten einen großen Widerstand gegen das Thema – ich habe es ehrlich gesagt auch gar nicht mit den Teilnehmern abgesprochen. Sie sahen sich von meinem Mann in das Thema hinein gezwungen und fürchteten, damit sozusagen ausgehorcht zu werden, damit er mit den Ergebnissen sein eigenes Ding machen kann. Alles was Sie einstecken mussten, war eigentlich gegen meinen Mann gerichtet. Aber dank ihrer Tipps haben wir es geschafft, die zwei Tage noch richtig gut miteinander zu arbeiten. Es war zwar nicht so erfolgreich, wie es hätte werden können, wenn Sie die Open Space hätten leiten können. Aber das Wichtigste war in dem Moment, die Teilnehmer wieder zurück zu gewinnen und das ist dank Ihrer Ruhe und Ihrer guten Interventionen gelungen. Vielen Dank. Selbstverständlich bekommen Sie Ihr Geld“.

Prüfung bestanden

Es brauchte noch einige Tage, bevor ich mich von dieser Situation erholt hatte. Die emotionalen, physischen, psychischen und intuitiven Prozesse, die in diesen ca 6 Stunden in mir abgelaufen waren, hatten mein gesamtes System enorm beansprucht.  Und so verfiel ich in meine übliche Niedergeschlagenheit – wie jedes Mal nach einem Großgruppen-Prozess. Ich brauchte nach dieser Erfahrung länger, asl sonst, um wieder völligin Balance zu kommen. Aber wie immer gelang da und ich wußte auch, dass ich stolz sein durfte und sehr viel gelernt hatte.

Seit dieser Erfahrung habe ich nie wieder eine Konferenz oder auch nur einen Workshop geleitet oder moderiert, den ich nicht selbst vorbereitet hatte. Ich bin noch genauer geworden in der Vorbereitung, sehe und spüre genau hin. So deutlich wie niemals zuvor habe ich hier die Auswirkungen schlechter Vorbereitung gespürt. Auch wenn ich sehr dankbar bin für diese Erfahrung, muss ich das nicht noch einmal erleben.

Und ich hatte meine Reifeprüfung bestanden. Ich wußte: mir nichts mehr passieren. Ich war ‚reif‘ für unvorhersehbare Situationen, die es gilt flexibel, aus dem Moment heraus, intuitiv und mithilfe kreativer Lösungen zu gestalten. Tja, und wenn ich wieder einmal das Gefühl haben, weglaufen zu wollen, weiß ich heute: da kommt was auf mich zu aber

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