Wie alles begann… 1987 – Ich hielt es nicht mehr aus in meinem Job als PR-Verantwortliche eines großen deutschen Unternehmens. Das Bürokratendenken, die Stempeluhrmentatlität, die eher gleichgültigen Kollegen, die um Punkt 17.00 Uhr alles stehen und liegen ließen, ganz gleich, welche Dringlichkeit noch liegen geblieben war. Und nun sollte ich auch ‚meine’ Journalisten belügen, da die Geschäftsführung nicht zugeben wollte, dass sie tatsächlich 100 Mitarbeiter entlassen würden. Ganz zu schweigen von den bedrängenden Annäherungsversuchen meines Chefs, die ich kaum noch respektvoll abwenden konnte.

Ich wollte nicht mehr. Ich wollte nur noch raus. Raus aus dieser Enge, in der ich nicht selbst entscheiden durfte. Ich sah nur einen Ausweg: Ich wollte mich selbständig machen. Und das so schnell wie möglich.

„Das schaffst DU doch nie“ sagte mein Lebensgefährte. Ja, danke! Das war genau die Bestärkung die ich brauchte.

Selbst meine besten Freunde, auch wenn sie vorsichtiger formulierten, meinten: „Meinst Du wirklich? Das ist aber ganz schön mutig. Weißt Du, was da alles auf Dich zukommt?“.

Mit diesen Kommentaren wurden meine eher idealtypischen Vorstellungen von meiner eigenen PR-Agentur immer mehr angefressen, bis sie wie ein brüchig gewordenes Puzzle auseinander brachen.

Das schaffst Du nicht – dachte ich – wahrscheinlich machst Du Dir gar keine Vorstellungen davon, was da auf dich zukommt….

Ein Gedanke war stärker: „Doch – ich will !!!“

Und ich machte es trotz alledem. Ich hielt es einfach nicht mehr aus und redete mir ein „Die anderen haben ja keine Ahnung. Klar schaffe ich das!“

Ich schaffe das! ???

Ich hatte genau 4000 DM – damals 1987. Genug Geld für 2 Monate, wenn ich die 1200 DM für die Büromiete auf der Kö in Düsseldorf berücksichtigte. Und Kö musste es schon sein. Eine gute Adresse. Und sicher konnte ich auch auf die vielen Freunde und ehemaligen Kollegen aus der Werbebranche zählen, die mir versprochen hatten, mir zu Kunden zu verhelfen.

Die 2 Monate waren schnell rum. Kein einziger Kunde hatte sich gefunden. Obwohl ich telefoniert hatte, präsentiert, repräsentiert und mich bei allen möglichen Gelegenheiten – Vernissagen, Partys, Vereinstreffen – gezeigt hatte, ob es mir gefiel oder nicht.

Täglich fühlte ich mich schwächer in meinem festen Vorsatz, es allen zu zeigen und den Sprung in die Selbständigkeit zu schaffen. An manchen Tagen fuhr ich morgens ins Büro und wartete nur noch darauf, dass irgend etwas passierte.

Nichts passierte.

Der 16. Februar war Deadline. Wenn ich bis dahin keinen Kunden gefunden hätte, würde ich mein Büro kündigen und aufgeben müssen.

Am 16. Februar saß ich in meinem Büro, deprimiert mit der Frage im Kopf – „soll es das nun gewesen sein? Mein Versuch mich selbständig zu machen?“

Ich war so sicher gewesen, dass es klappen würde.

… und dann das …

Ich räumte resigniert meine Sachen zusammen, da ich am Abend die Büro-Räume verlassen wollte und stellte mir vor, wie mich die Zweifler rechthaberisch, mitleidig und mit für sie wohltuender Genugtuung trösten würden. „Siehst Du, wir haben dich ja gewarnt. Aber Du wirst sicher bald wieder einen guten Job finden. Wir helfen Dir.“

Nein ! Das will ich nicht. Ich weiß ich kann es schaffen!!!

In genau diesem Moment klopfte es an meine Tür. „Herein“

Mein Nachbar aus dem Büro neben mir, trat ein. Ein Iraner, wie ich wusste, der in den Räumen neben mir irgendein Computerbusiness eröffnet hatte. Als er sich mir gegenüber auf den Besucherstuhl gesetzt hatte, sah er mir ganz intensiv in die Augen, klammerte sich an den Armlehnen fest und stieß wie außer Atem hervor „Frau Bredemeyer. Sie müssen mir helfen. Sie machen doch PR, Richtig? Meine PR Agentur hat mich sitzen lassen. Ich brauche bis Sonntag Abend dringend Text und Layout einer Unternehmensbroschüre. Können Sie das für mich machen?“ Ich überlegte kurz, war wie benebelt, geradezu im Schock… „Jetzt das?“

„Ähm, ja – was macht Ihr Unternehmen denn? Welche Branche“

„Third Party Maintenance“

Er hätte ebenso gut sagen können „Ponatelotyphie “ – Ich hatte keine Ahnung! „Können Sie mir sagen, was das ist?“

Schon diese Frage setzte den gesamten möglich Auftrag auf’s Spiel aber ich hatte wirklich keine Ahnung.

„Wir beschäftigen uns mit der Wartung von IBM Großcomputern und verkaufen solche Rechenzentren auch.“

„Ah ja“ sagte ich, völlig ahnungslos aber natürlich interessiert mit dem Ausdruck von „Sagen Sie das doch gleich – na klar“.

Himmel, ich hatte grad mal eine elektrische Schreibmaschine und konnte nicht mal Soft- und Hardware voneinander unterscheiden.

„Gut Herr Ahmadi“ sagte ich und versuchte eine möglichst geschäftsmäßige Miene aufzusetzen“ Geben Sie mir eine Stunde Zeit, dann kann ich Ihnen sagen, ob meine freien Mitarbeiter – der Layouter und der Texter – mir am Wochenende zur Verfügung stehen“.

Mein Nachbar ging dankbar aus dem Zimmer und mir schwirrte der Kopf. Ich wollte es schaffen – um jeden Preis.

Sofort rief ich einen Freund an, der in einer großen Werbeagentur Texter war. Er war der beste Freund meines Lebensgefährten und war heute Abend so und so mit uns verabredet. „Klar helfe ich Dir. Lass dir das Briefing geben und wir machen das“. Gut. Dann rief ich einen anderen Freund an, der eine Werbeagentur hatte. „Klar helfe ich Dir, wann kannst Du mich briefen?“

Als der Iraner mir in den nächsten 3 Stunden erklärte, was sein Unternehmen anbietet und worum es in der Unternehmensbroschüre gehen soll, rauchte mir der Kopf. Es war als wenn man einem Erstklässler erklärt, wie eine Mondsonde konstruiert ist… so kam es mir jedenfalls vor.

Nachmittags briefte ich meine beiden Freunde, den Texter und den Grafiker. Erstaunlicherweise konnten sie beide was mit dem anfangen, was ich Ihnen als Briefing präsentierte und sie versprachen, schon morgen Abend alles abzuliefern für die Präsentation am Sonntag Nachmittag.

Ich war wie benebelt. Einerseits sehr fokussiert darauf, mit der Präsentation vielleicht doch noch meinen ersten Kunden zu gewinnen und meinen Traum von der Selbständigkeit wahr zu machen, andererseits ungläubig, dass das wirklich passiert war. Im letzten Moment, fünf vor zwölf, einen halben Tag bevor ich aufgeben wolle. Ich machte mit dem Büroservice die Verlängerung meines Mietvertrages um 4 Wochen klar – man konnte ja nicht wissen – und fuhr mit grummelndem Bauch und vollkommen überdreht nach Hause.

Das Chaos der Veränderung. Wenn, dann richtig …

Nun lag also der Freitag Abend vor mir und eine Freundin,  der Texter und  mein Lebensgefährte und ich  hatten bei uns zuhause eine Verabredung miteinander.

Die Beziehung mit meinem Lebenspartner war schon seit Wochen quälend, geradezu unerträglich. Ich litt sehr darunter, dass er mir immer wieder meine Dummheit, mich selbständig zu machen, vorhielt. Außerdem schien er mich zu betrügen. Ich spürte das einfach. Und so hatte ich ihm vor 2 Wochen eröffnet, dass ich mich von ihm trennen wolle.

Der Abend wurde ein Desaster. Mein Freund begriff zum ersten Mal, dass ich es mit der Trennung ernst meinte und ich verbrachte die halbe Nacht mit meiner Freundin eingeschlossen im Gästezimmer, da er durchdrehte.

Nach 2 Stunden Schlaf wachte ich um 5 Uhr auf. Hellwach. Da war ein Gewirr von Gefühlen – Wut, Erwartung, Lust auf Neues und die Sehnsucht, mich aus dieser Situation zu befreien.

Wie von einem unsichtbaren Leitstrahl gesteuert lief ich zum Kiosk, kaufte mir eine Zeitung und sah mir die Wohnungsanzeigen an. Und ich fand sie an diesem Morgen, meine Single Wohnung.

Ich funktionierte irgendwie, fokussiert auf das, was vor mir lag. Überall in meinem Körper konnte ich das Neue spüren. Ich musste da raus und ich spürte, dass ich an einem neuen Anfang stand.

Um viertel nach drei bekam ich den Zuschlag für meine neue Maisonette-Wohnung. Am Nachmittag textete ich zusammen mit dem Texter-Freund. Er kannte die Technik dieser Riesencomputer und ich kam mit meiner Sprache in einen guten Fluss, so dass wir nach 3 Stunden fertig waren. Auch mein Grafiker-Freund lieferte ein super kreatives Layout ab, das einfach genial zu dem Text passte.

In der folgenden Nacht kam mein Lebensgefährte nicht nach Haus. Ich litt ich die ganze Nacht, konnte nicht fassen, wie schnell er sich bei einer anderen Frau tröstete. Hatte Heulkrämpfe, war wütend, bekam Schüttelfrost, musste mich übergeben und lag morgens völlig kraftlos zwischen meinen zerwühlten Laken.

„Ich kann das nicht, ich schaffe das nie heute Nachmittag“ waren meine Gedanken in dieser kraftlosen, dunklen Stimmung“ Und ich wälzte mich hin und her bis mich meine heilige Wut packte „Und ich schaffe das doch“.

Mit all dieser Energie und der plötzlich auftauchenden Lust auf das Neue, was ich am Vortag gespürt hatte, stand ich auf, duschte ewig lang und spülte mir allen Kummer und das Gift meiner Wut und des Schmerzes vom Körper. Nach einem stundenlangen Spaziergang und einer Stunde „Artwork“ vor meinem Spiegel machte ich mich auf zu meiner Präsentation.

Mein Texter-Freund saß neben mir als ich unser Layout und den Text präsentierte. Der Iraner, seine Sekretärin und sein Mitarbeiter hörten aufmerksam zu. Ich war vollkommen in meinem Element. Überzeugt von unserem Vorschlag und mit Eifer lief ich zu Höchstformen auf.

Als ich fertig war sah ich in das Gesicht meines fremdländischen potenziellen Kunden. Er sah in Richtung Layout und sagte kein Wort. Verzog kein Gesicht. Nichts. Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Es schien, als hielten alle den Atem an. Und dann:

„Großartig Frau Bredemeyer. Genau so hatte ich mir das gewünscht. Genau so machen wir das. …Sagen Sie, sind 10.000 DM Anzahlung ihnen recht?“

Innerlich machte ich einen Luftsprung, fiel ihm um den Hals und quiteschte vor Glück. Ich hab’s geschaft!!!

Äußerlich sah die Fliege an der Wand, wie ich meinem neuen Kunden freundlich in die Augen sehe und sage „Ja, Herr Ahmadi, für’s erste ist das ok. Vielen Dank“.

Das war der Beginn meiner Selbständigkeit.

Ich habe es nie bereut.

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